Wer sorgt für ein behindertes Familienmitglied, wenn Angehörige es selbst nicht mehr können?

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      In der aktuellen Situation gibt es ein breites Netz an verschiedenen außerfamiliären Wohnformen, die den individuellen Bedürfnissen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Behinderung gerecht zu werden versuchen - von der betreuten Wohngemeinschaft bis hin zum Wohnheim mit einem hohen Betreuungsschlüssel. Sie befinden sich in der Trägerschaft unterschiedlicher Sozialverbände und Vereine wie der Lebenshilfe, Caritas, Diakonie etc..
      Das Passungsverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage variiert gleichzeitig regional sehr stark, so dass die Suche nach einer adäquaten Einrichtung im Einzelfall für die Angehörigen sehr anstrengend und zeitaufwändig sein kann.
      Mit diesem Hintergrund erscheint es sehr sinnvoll, bereits frühzeitig in die Auseinandersetzung mit der außerfamiliären Betreuung einzusteigen. Der Auszug aus dem Elternhaus bedarf auch mit dem Blick auf Ablösungsprozesse einer langen und bewussten Vorbereitung.
      Weder für die (erwachsenen) Kinder noch für die Eltern ist dies ein leichter Prozess. Die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten kann dabei für alle Beteiligten sehr hilfreich sein. Monika Seifert (2004, in Eckert 2007 behindertemenschen.at/content/view/full/5168) benennt in einem Aufsatz zur Ablösung vom Elternhaus folgende Aspekte als besonders unterstützend:
      • Die bewusste Thematisierung des Auszugs (und der damit verbundenen Gedanken, Ängste, ambivalenten Gefühle) auf der Elternebene
      • Der Austausch mit anderen betroffenen Eltern (in Elternvereinen, Selbsthilfegruppen)
      • Die Inanspruchnahme von Elternberatungsangeboten (z.B. im institutionellen Rahmen der Schule, des Familienentlastenden Dienstes)
      • Die Inanspruchnahme von außerfamiliären Freizeitangeboten (z.B. Familienentlastende Dienste)
      • Das Üben von Trennungssituationen (z.B. durch Ferienreisen, Kurzzeitunterbringung)
      • Ein frühes Vertrautmachen und Kennenlernen möglicher Wohnformen (Informationsgewinn, Erweiterung eigener Vorstellungen)
      • Die Einbeziehung der Heranwachsenden in die Gedanken und Planungen in individuell angemessener Form (anhand von Gesprächen, gemeinsamen Besichtigungen)
      • Das Nachdenken der Eltern über die eigene Lebensplanung (z.B. Partnerbeziehung, Aktivitäten, Hobbys, Beruf)
      • Die Kontaktaufnahme zu den in Frage kommenden, ausgewählten Institutionen (u.a. bezüglich Information, Gesprächsmöglichkeiten, Hospitationen)
      • Die konkrete Vorbereitung des Umzugs (u.a. auf der persönlichen und organisatorischen Ebene)
      Fachleute sind in diesem Sinne gefragt, die Bedürfnisse nach Ablösung und einer positiven Zukunftsgestaltung sowohl auf der Ebene des Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen mit einer Behinderung als auch der Ebene ihrer Eltern frühzeitig wahrzunehmen und individuell zu begleiten.
      Ich stimme Ihnen vollkommen zu, Herr Eckert. Gerade bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung sollte in die Planungen umbedingt auch das weitere familiäre soziale Umfeld, wie Geschwister, Freunde, Verwandte oder auch Lehrer(inne)n einbezogen werden. Unterstützend können dabei Instrumente und Methoden, wie etwa die persönliche Zukunftsplanung genutzt werden.
      Neben der späteren Lebens- und Wohnsituation gibt es eine Ebene des Verantwortungsübernahme, die häufig nicht so stark im Fokus steht, die aber in der Bedeutung für das weitere Leben des Menschen mit Behindung nicht zu unterschätzen ist: Es geht zum einem um die Frage der gesetzlichen Betreuung. Wer unterstützt ab der Volljährigkeit die jungen Menschen beim Treffen von rechtlichen, medizinischen oder finanziellen Entscheidungen? Oft übernehmen hier die Eltern die Rolle der ehrenamlichen rechtlichen Betreuer(innen). Zum anderen geht es um das Kümmern und Sorgen im Sinne von von füreineander Dasein - um das soziale Netz. Um all die Dinge und sozialen Beziehungen, die nicht durch professionelle Unterstützung abgedeckt werdenden können. In beiden Fällen sehen sich Geschwister oft mit der ausgeprochenen oder unausgesprochenen Erwartung konfrontiert, dass sie übernehmen, wenn die Eltern diese Aufgabe nicht mehr wahrnehmen können. Auch hier ist es wichtig, dass sich alle Beteiligten frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen, um gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden.
      Für (erwachsene) Geschwister ist ein Austausch mit andern Geschwistern im Sinne von Selbsthilfe oft sehr hilfreich. In den letzten Jahren sind viele gute Angebote hierzu, wie Stamtiscche und Treffen oder in sozialen Medien, entstanden. Mehr Informationen gibt es zum Beispiel den Erwachsen Geschwistern (erwachsene-geschwister.de/ ) oder im Lebenshilfe Geschwisternetz (https://geschwisternetz.de/).