Wie können Studierende mit Behinderungen Zugang zu Unterstützungsleistungen erlangen?

  • Meines Erachtens sind die gezielte Unterstützung durch Beratungsangebote und die Vernetzung von Akteur*innen in der Beratung untereinander sehr wichtig.

    In dem an der Universität Kassel durchgeführten Forschungsprojekt „ErfolgInklusiv“ hat sich unter anderem herausgestellt, dass gerade die spezifischen Beratungsangebote für Studierende mit Behinderungen nur wenig bekannt sind und noch von relativ wenigen Studierenden genutzt werden. Diese Angebote müssten allgemein noch bekannter gemacht werden. Auch wäre es wichtig, die Bundesagentur für Arbeit (BA) oder andere Leistungsträger, die nach dem Studium für die Erbringung von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zuständig sind, frühzeitig mit ins Boot zu holen. In diesem Zusammenhang könnte auch eine Vernetzung der Beratungsangebote an den Universitäten mit der BA sinnvoll sein.

  • Ich empfehle, sich frühzeitig (online) arbeitssuchend zu melden und das Arbeitsgesuch in die Betreuung der Bundesagentur für Arbeit zu übergeben. Wenn ein abgeschlossenes Studium erreicht wird und ein GdB von 50 oder mehr vorliegt, kann außerdem der Service für schwerbehinderte AkademikerInnen kontaktiert werden!

    Die Bundesagentur unterstützt bei der Stellensuche und hat außerdem Fördermöglichkeiten, die den Einstieg erleichtern können.

    Zum Beispiel können 1-3-monatige Probebeschäftigungen für schwerbehinderte Menschen gefördert werden. Arbeitgebern werden während der Probebeschäftigung die Gesamtlohnkosten zu 100% erstattet. Ein möglicher Türöffner für schwerbehinderte Absolventen, um einen Einstieg ins Berufsleben zu finden.

    Außerdem können Eingliederungszuschüsse für bis zu 5 Jahren und bis zu 70% gewährt werden, z. B. um eine notwendige Einarbeitungsphase zu finanzieren und behinderungsbedingte Besonderheiten auszugleichen.

    Über den beruflichen Reha-Träger (bei AbsolventInnen in der Regel die Bundesagentur für Arbeit) werden außerdem notwendige technische Hilfen und Arbeitsplatzanpassungen zu 100% finanziert.

  • Wir vom Sozialunternehmen myAbility - als wirkungsfokussiert zertifiziert und als förderberechtigt u.a. vom "Haus des Stiftens" anerkannt - bieten seit Jahren in Deutschland ein Karriereprogramm unter dem Namen "myAbility Talent® Programm" http://www.myabilitytalent.org an. Hier geht es uns darum, sowohl Studierende, Absolvent:innen und Akademiker:innen wie auch teilnehmende Unternehmen beiderseits zu coachen und zu begleiten, damit diese einander kennenlernen, im Zuge eines sog. "Matching Days" in den persönlichen Austausch treten, und sich so jobrelevante Chancen eröffnen.
    Alljährlich im Frühjahr, mit frühestmöglichem Start im Januar, bieten wir dieses Programm in Deutschland an (und darüber hinaus auch in Österreich und in der Schweiz), und hierfür stehe ich insbesondere im Herbst in Kontakt mit u.a. Career Centern, Studienberatungen, Behinderten-Beauftragten, DEI-Abteilungen, aber auch Alumni-Büros, an Universitäten und Fachhochschulen quer durch die ganze Bundesrepublik. Auf Nachfrage bieten wir Info-Sessions zum Programm an. Die DVfR hat auch schon einmal über uns berichtet.

    Die Teilnahme am Programm ist für Privatpersonen kostenlos, und ein Schwerbehinderten- oder Gleichstellungs-Status ist keine Voraussetzung. Die teilnehmenden Privatpersonen leben allesamt mit einer Behinderung, einer unsichtbaren z.B. chronischen Erkrankung (wie ich) oder haben einen neurodivergenten Hintergrund. Ihre Kompetenzen, Fähigkeiten und Erfahrungen, ihre Interessen und Talente, sowie ihre individuellen Antworten auf die Frage "Was benötige ich, um gut zu arbeiten?" stehen im Fokus aller o.g. Komponenten, die auf das Kennenlernen zwischen ihnen und den Unternehmen vorbereiten. Finanziert wird das Programm durch die teilnehmenden Firmen, die sehr gerne kompetente Fach- und Nachwuchskräfte kennenlernen, und in puncto "aufrichtig gelebte Inklusion in der Arbeitswelt" selber hinzulernen, sich inklusiver und chancengerechter aufstellen möchten.

    Im Zuge dieses Programms arbeiten wir seit Jahren z.B. eng zusammen mit den Kolleg:innen von iXNet-ZAV, und wir ergänzen uns hier in unseren jeweiligen Arbeits-Schwerpunkten, da wir komplementär denselben Zweck verfolgen: eine chancengerechte #KarriereOhneBarriere. So haben wir die Möglichkeit, unser Programm im Zuge von deren Veranstaltungskalender vorzustellen (wie heuer am 3.12., dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen Veranstaltungen - Karriere Café zu Gast: Vorstellung des myAbility Talent® Programms - iXNet) und gleichzeitig stellen die dortigen Kolleg:innen ihre Unterstützungs-Möglichkeiten im Rahmen unseres Programms sowohl den teilnehmenden Privatpersonen als auch den teilnehmenden Unternehmen vor. An dieser Stelle daher meinen Gruß und ein großes Dankeschön an meinen Vorredner in dieser Diskussionsrunde.

    Wer u.a. auch regelmäßig über deren Newsletter auf unser Karriereprogramm hinweist, ist das Team des IBS (Information- und Beratungsstelle Studium und Behinderung) vom Deutschen Studierendenwerk.

    3 Mal editiert, zuletzt von Stefanie Kirwald (26. November 2025 um 13:41)

  • An den Hochschulen und Unis sollte auch immer die Funktion des "Beauftragten für Studierende mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen" etabliert sein. Das ist für die Studierenden eine gute Anlaufstelle um Hilfestellungen und auch Nachteilsausgleiche zu besprechen. Hier ist die Vernetzung innerhalb der Hochschule und aber auch zu anderen Akteuren stetig zu fördern. Wichtig ist, dass diese Funktion auch den Studierenden bekannt ist! Bei uns gibt es Veranstaltungen, Flyer und auch Screens an vielen Stellen des Campus, wo wichtige Anlaufstellen beworben werden.

  • In Ergänzung zum Beitrag von Herr Reinemer möchte ich darauf hinweisen, dass meiner Erfahrung nach u.a. Studienberatungen, die vorhin genannten Beauftragten sowie die Career Center hier innerhalb der Universitäten und Fach-Hochschulen ihre Kräfte und Erfahrungen bündeln, Synergien nutzen können. Career Center sind meinem Eindruck nach eher bei Fragestellungen von Absolvent:innen für reine Bewerbungsprozesse etc. als Ratgebende involviert, aber weniger firm mit Fragestellungen und Anforderungen, die eine Behinderung, Erkrankung, ein neurodivergenter Hintergrund jeweils individuell am Arbeitsplatz mit sich bringen können. Umgekehrt sind Studienberatungen und Beauftragte teils mit praktischen Fragen zum Berufseinstieg konfrontiert, wo wiederum die Career Center ergänzend auftreten können.

    Da ich selber einst bei der größten Technischen Universität in den Niederlanden gearbeitet habe, kenne ich grundsätzlich universitäre Strukturen und sehe stets mit großer Freude, wenn die verschiedenen Erfahrungswerte aus den o.g. Bereichen zusammenkommen, um Studierende zum Berufseinstieg zu unterstützen. Ich habe bereits wiederholt Info-Sessions gehalten bei Universitäten, wo sich diese Bereiche just für solche Sessions zusammengefunden und ihren jeweiligen Support, gemeinsam mit unserem Karriereprogramm http://www.myabilitytalent.org, unserem Job-Portal http://www.myability.jobs und allen unseren Erfahrungswerten, an die Teilnehmer:innen für deren Berufseinstieg vorgestellt haben.

    Einmal editiert, zuletzt von Stefanie Kirwald (27. November 2025 um 11:46)

    • Offizieller Beitrag

    Christina Janßen schreibt, dass die spezifischen Beratungsangebote für Studierende mit Behinderungen bekannter gemacht werden müssten. Auf welchem Wege kann der Zugang zur Beratung unterstützt werden? Gibt es Unterschiede in der Nutzung der Anlaufstellen, wenn bei Studierenden die Behinderung oder Erkrankung schon länger besteht oder erst im Laufe des Studiums erworben wurde?

    Angesprochen wird auch – wie bei Arno Reinemer und Stefanie Kirwald – das Thema Vernetzung innerhalb der Hochschule und mit anderen Akteuren wie z. B. der Bundesagentur für Arbeit. Wie kann eine Kooperation von Beratungsstellen aussehen? Gibt es Beispiele dafür?

  • Ich denke auch, dass Flyer, Aushänge und ggf. Infoveranstaltungen, wo wichtige Anlaufstellen beworben werden könnten, eine wichtige Rolle spielen.

    Ob die Studierenden die Angebote nutzen, hängt aber auch immer sehr davon ab, ob sie sich selbst als Adressat*in dieser Angebote sehen. Nicht jede*r, die oder der eigentlich zum Adressatenkreis gehört, identifiziert sich selbst auch als „behindert“.

    Andere nutzen die Angebote vielleicht auch nicht, weil sie das Gefühl haben, hierfür nicht schwer genug beeinträchtigt zu sein. Ähnliches ist auch bei den Nachteilsausgleichen zu beobachten. Hilfreich könnten z.B. soziale Netzwerke und ggf. auch Kontakte zu anderen chronisch erkrankten Personen sein, die sich gegenseitig bestärken könnten. Generell könnte ein offener Umgang mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen auch seitens der lehrenden Personen hilfreich sein.

  • Team Ich kann hier erneut auf exemplarische Erfahrungswerte von Universitäten und Fach-Hochschulen in der gesamten DACH-Region verweisen, von denen uns einst berichtet wurde. So wurden uns Elemente wie z.B. explizite Hinweise von Lehrenden in Einführungsveranstaltungen genannt, weiters Info-Stände zu Semesterbeginn, intensiv ausgearbeitete Leitfäden (Bsp.: STUDIUM INKLUSIV der Goethe-Uni in Frankfurt), moderierte Mentor:innen-Programme, regelmäßige Stammtische, hochschulweite Thementage u.v.m.

    Meiner Ansicht nach ist fortwährende Sichtbarkeit und Erwähnung zur Existenz der Beratungsleistungen sowie -instanzen sowie die Sichtbarkeit von Expert:innen in eigener Sache, die in Peer-to-Peer-Netzwerken rundum diese Beratungsinstanzen aktiv sind, der Schlüssel zu mehr Nutzung. Je besser es dabei gelingt, auf sichtbare wie unsichtbare Behinderungen, unabhängig vom GdB, hinzuweisen - dabei denke ich an chronische Erkrankungen, Mental-Health-Thematiken sowie Neurodivergenz, was je nach Ausprägung auch als Behinderung anerkannt ist - desto mehr wird sich nach und nach die Relevanz der Beratungsleistungen und -instanzen herumsprechen.

  • Allgemeiner Behindertenverband in Deutschland e.V.: Wünschenswert wäre mehr Sichtbarkeit von Inklusionsbeauftragten beim Studium und auch beim Übergang ins Erwerbsleben. Hier fehlen auch noch in manchen Gewerkschaften zur Unterstützung bei der Umsetzung von Arbeitsrecht sichtbare Ansprechpersonen.

  • Das Beratungsangebot ist wichtig, aber ebenso entscheidend ist, dass auch andere Stakeholder an der Hochschule – z. B. Dozentinnen und Professorinnen – eingebunden werden. Weiterbildungsangebote zur inklusiven Lehre tragen dazu bei, ein insgesamt positives Klima zu schaffen, das die Studierenden bestmöglich unterstützt.

    Dr. Shweta Mishra

    Deutsches Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS)

  • Das alles ist richtig und wichtig. Gelegentlich fehlt die Zeit bzw. die Studierenden werden zuweilen überfrachtet mit Informationen. Wir haben auch Flyer, On-Boarding Konzepte und Unterlagen etc.. Damit kann man Sachen dann lesen, wenn man sie braucht oder mal Zeit dafür hat. Sehr gute Erfahrungen habe ich gemacht mit Screens (Monitore die an verschiedenen Stellen der Hochschule aufgestellt / aufgehangen wurden), die haben die Sichtbarkeit ziemlich erhöht und für einen guten Bekanntheitsgrad gesorgt.