Welchen besonderen Herausforderungen begegnen Studierende mit Behinderungen beim Übergang in das Arbeitsleben?

  • Generell begegnen Menschen mit Behinderung beim Übergang ins Arbeitsleben der Hetausforderung, dass sie sich der sog. Werkstattprüfung unterziehen müssen, um eine Förderung im Rahmen des Budgets für Arbeit zu erhalten. Diese Werkstattprüfung bedeutet für Menschen, die bisher nicht in einer Behindertenwerkstatt tätig waren, dass sie sich zunächst ausgrenzen lassen müssen, um danach wieder eingegliedert zu werden. Außerdem ist es ein unnötiger Verwaltungsaufwand. Die Schwerbehinderteneigenschaft ist doch schon durch den Ausweis festgestellt.

    • Offizieller Beitrag

    Liebe Ulrike,

    herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Wir bitten um Verständnis, dass die aktuelle Diskussion auf Themen der inklusiven Hochschulbildung begrenzt ist. Konkret geht es uns hier um die Frage, auf welche Schwierigkeiten Studierende bzw. Akademikerinnen und Akademiker mit Behinderungen stoßen können, wenn sie von der Universität oder (Fach-)Hochschule in das Arbeitsleben starten möchten.

    Unter "Ihr Reha-Thema" (Aus der Praxis) gibt es die Möglichkeit, weitere Themen des Reha- und Teilhaberechts anzusprechen. Im November 2022 haben wir in diesem Forum die Diskussion "Die Budgets für Arbeit und Ausbildung – verkannte Leistungen?" geführt (Die Budgets für Arbeit und Ausbildung – verkannte Leistungen? - Diskussionsverlauf). Hier wurden unter anderem auch Voraussetzungen zum Budget für Arbeit diskutiert.

    Ihr Team von "Fragen – Meinungen – Antworten"

  • Seit 25 Jahren darf ich schwerbehinderte Akademikerinnen und Akademiker bei der Stellensuche unterstützen. Ein wichtiger Bereich ist der Übergang vom Studium in den Beruf. Wir empfehlen schwerbehinderten Absolventinnen und Absolventen sich möglichst frühzeitig arbeitssuchend zu melden (ca. 6 Monate vorm Ende des Studiums) und Kontakt mit dem Service für schwerbehinderte AkademikerInnen aufzunehmen. Wir besprechen die Perspektiven und Möglichkeiten und verfügen über eigene Fördergelder. Seit einiger Zeit bieten wir ach digitale Veranstaltungen über unser Inklusives ExpertInnen Netzwerk an. Der Weg über eine Werkstatt für schwerbehinderte Menschen ist sicherlich die absolute Ausnahme, kann aber im Einzelfall sinnvoll sein.

    • Offizieller Beitrag

    Wir empfehlen schwerbehinderten Absolventinnen und Absolventen sich möglichst frühzeitig arbeitssuchend zu melden

    Lieber Herr Prenner,

    Sie sprechen gezielt von schwerbehinderten Akademikerinnen und Akademikern. Können sich auch Studierende und Absolventen bei Ihnen melden, die noch keinen Schwerbehindertenausweis haben, und Unterstützung beim „Arbeitgeber-Service für schwerbehinderte Akademiker“ bekommen? Falls nein, an wen könnten sich Akademikerinnen und Akademiker mit einer Behinderung als Alternative wenden?

    Und können Sie bitte noch kurz ausführen, in welchen Ausnahmefällen auch für Studierende und Absolventen mit Behinderung „der Weg über eine Werkstatt“ zum Tragen kommt?

    Vielen Dank im Voraus.

  • Der Arbeitgeber Land Hessen hat vielfältige Stellenangebote. Natürlich auch für Akademiker und selbstverständlich auch für Menschen mit Behinderungen oder auch "weichen Kriterien" die noch keinen GdB begründen. Die Personaler sind alle sensibilisiert auf das Thema. Nur Bewerbende gibt es in vielen Verfahren nur ungenügend oder aber die Bewerbenden sagen dann ab oder erscheinen gar nicht erst.

    Stellenausschreibungen des Landes Hessen - MAP

  • Tatsächlich ist eine Voraussetzung für eine persönliche Unterstützung durch den Arbeitgeber-Service für schwerbehinderte Akademiker, dass eine anerkannte Schwerbehinderung mit einem GdB von 50 vorliegt. Unabhängig davon bieten wir Studierenden, die (noch) keinen Schwerbehindertenausweis haben oder einen GdB von 30 oder 40 haben, unsere Online-Angebote (https://www.ixnet-projekt.de) wahrzunehmen. Außerdem kann man sich unabhängig von einem Schwerbehindertenausweis den 14-tägigen Newsletter mit aktuellen Stellenangeboten zusenden lassen.

    Auf jeden Fall empfehle ich eine Arbeitssuchend-Meldung bei der örtlichen Arbeitsagentur, um eine passende Beratung und Unterstützung zu erhalten.

    Die Aufnahme in eine Wfb setzt eine volle Erwerbsminderung voraus. Der Fall wird bei Studierenden nur äußerst selten auftreten. Wenn erhebliche, gesundheitliche Einschränkungen vorliegen, sollte die örtliche Arbeitsagentur über ein ärztliches Gutachten die Erwerbsfähigkeit prüfen. Ggf. wird dann ein Verfahren zur Einmündung in eine Wfb eingeleitet.

  • Die Fragestellungen, die wir von an unserem Karriereprogramm http://www.myabilitytalent.org teilnehmenden Privatpersonen wiederholt wahrnehmen, konzentrieren sich um Aspekte wie:

    - Welche Vorteile hat es, meine (chronische) Erkrankung in der Arbeit offenzulegen?

    - Ich lebe mit einer unsichtbaren Behinderung – wie spreche ich das offen am Arbeitsplatz an?

    - Wie beantworte ich die Frage: „Was brauche ich, um gut arbeiten zu können?“

    - Welche Fragen sollte ich Unternehmen stellen, um herauszufinden, ob sie zu mir passen?

    Es geht da sehr häufig um den selbstbewussten Umgang mit der eigenen Diagnose, um die Frage "Sag' ich's oder sag' ich's nicht?", um das Identifizieren, Finden und Kontaktieren von inklusionsoffenen Firmen und Organisationen, sowie um eine souveräne und kompetenzbasierte Selbstpräsentation, bei der die individuellen Anforderungen an ein optimales Arbeitsumfeld durchaus offen angesprochen werden.
    Denn wer ist hier im Zuge eines Bewerbungsprozesses Expert:in für das eigene Sein und Können, wer kennt sich am besten mit den eigenen Anforderungen, dem individuellen optimalen Rahmen in der Arbeitswelt aus? Und wer ist hier im Dialog denn dann Lernende:r? Auch dies versuchen wir sowohl Jobsuchenden wie Unternehmens-Vertreter:innen zu vermitteln.

    Die oben genannten Aspekte sind verlinkt mit Postings auf einem unserer Social Media-Kanäle.
    Diese nutzen wir, um u.a. Fragestellungen, bei denen unsere Talent Manager:innen Privatpersonen begleiten, medial aufzugreifen und anonymisiert in der Community der Menschen zu verbreiten, für die eine #KarriereOhneBarriere von Relevanz ist.

  • Vielleicht an dieser Stelle ein Hinweis auf unsere Portale und Kanäle,
    wo wir die Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen beim Einstieg oder auch Wiedereinstieg ins Berufsleben inhaltlich aufgreifen, diese sind jeweils kostenfrei und unabhängig vom GdB nutzbar:

    Für inhaltliche Rückfragen zu den einzelnen Elementen stehe ich Ihnen allen sehr sehr gerne zur Verfügung!

    Vielleicht für Sie alle noch zu wissen: Wir sind aufgrund sehr persönlicher Lebenswege einst entstanden
    und die Hälfte unseres inklusiven Teams lebt selber mit einer Behinderung, einer chronischen oder psychischen Erkrankung oder mit einer Diagnose aus dem neurodivergenten Spektrum. Ich selber lebe mit einer unsichtbaren CED (chronisch-entzündlichen Darmerkrankung).

  • Darf ich angesichts der hier gestellten Frage noch ganz offen meine eigene Reise als Beispiel heranziehen,
    an der sich vielleicht relevante Antworten - zumindest für unsichtbare, im späteren Leben erworbene Behinderungen und Erkrankungen - ableiten lassen:

    - Ich weiß um den Schrecken und die Unsicherheit, die eine Diagnose in einem auslösen kann. Mit Anfang 30 habe ich gehört, dass ich Morbus Crohn habe. Ich bin damit geboren, wusste es aber in meinen ersten Lebensjahrzehnten nicht.
    - Ich weiß, dass es Zeit braucht, dies überhaupt als essentiellen Bestandteil seiner Selbst zu akzeptieren. Dies geht häufig nicht von heute auf morgen, es ist ein langwieriger Prozess.
    - Ich kenne zudem diese Angst vor Diskriminierung, Ablehnung und Unterschätzung aufgrund der eigenen Erkrankung, insbesondere im beruflichen Umfeld. Aufgrund dieser Angst habe ich anfänglich beschlossen, dies nicht zu thematisieren. Es war eh' nicht entscheidend für meine Aufgabenbereiche, aber dies hatte zur Folge, dass ich mich mit diesem "Makel" doppelt und dreifach beweisen wollte. Und dies war wiederum eher ungünstig für meine gesundheitliche Stabilität.
    - Ich weiß auch um die Ernüchterung, die emotionale Achterbahnfahrt und auch die Wut, als nach einer unvorhergesehenen medizinischen Notwendigkeit – die für mich vor den Kolleg:innen wie ein „Zwangs-Outing“ war – dann mitgeteilt bekommt,
    dass mein Arbeitsvertrag nicht verlängert wird. So also fühlt sich Diskriminierung an, dachte ich mir, und dabei weiß ich bis heute nicht, was letztlich der Auslöser für diese Entscheidung war. Wir konnten einfach nicht gänzlich offen miteinander kommunizieren.
    - Letzten Endes hat all' dies den Mut und die Erkenntnis in mir reifen lassen, mich ab einem bestimmten Zeitpunkt pro-aktiv in Bewerbungen und im Kolleg:innen-Kreis zu meiner Erkrankung und meinem Umgang damit mitzuteilen. Ich habe mir damit die Kontrolle über diesen Lebensbereich zurückerobert. Und dabei erfahren: Wenn das Umfeld ganz selbstverständlich den mir eigenen Rahmen ernstnimmt und würdigt, mir Flexibilität und Freiräume für meine gesundheitlichen Belange einräumt, dabei stets die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt und mir einfach Unterstützung signalisiert, dann fällt mir doch bildlich gesprochen ein tonnenschwerer Ballast von den Schultern. Und beide Seiten haben ein starkes, von gegenseitigem Respekt, Loyalität und Einstehen füreinander geprägtes Fundament im Arbeitsleben gewonnen.
    - All‘ dies war für mich ein persönlicher, fünfjähriger Reifungsprozess von Anfang bis Mitte 30.

    Wenn wir diesen Entwicklungsprozess am eigenen Leibe durchlaufen haben, dann können wir auch Menschen gut begleiten und inspirieren, die sich für eine Berufslaufbahn noch inmitten dieser Reise befinden - ob nun als Betroffene oder als Firmen-Vertreter:in. Wir alle können Inklusion - gemeinsam! Wenn wir es schaffen, uns aufrichtig aufeinander einzulassen.

  • Allgemeiner Behindertenverband in Deutschland e.V.: Eine große Herausforderung sind nach wie vor Bewerbung, Hospitation, Praktika... Hier gibt es nach wie vor große Vorbehalte und Vorurteile über eingeschränkte Leistungsfähigkeit. Auch haben viele Arbeitgeber leider kein Wissen oder wenig Wissen über mögliche finanzielle und beratende Unterstützung durch Inklusionsamt etc. Das bedeutet, dass allein die Arbeitsplatzssuche bei gutem Abschluss erschwert ist. Mitunter werden schon Hospitationen verwehrt. Wünschenswert wäre daher eine automatische Beratung von Arbeitgebern zur Gesetzeslage und Unterstützungsmöglichkeiten. Für die Betroffenen eine Beratung und Unterstützung für einen reibungsloseren Übergang im letzten Studiensemester.

    • Offizieller Beitrag

    Vielen Dank an j.augustin für den Hinweis auf Praktika und Hospitationen. Wir greifen diesen auf und möchten den Austausch dazu in einem eigenen Thema vertiefen: Welche Unterstützungsbedarfe haben Studierende mit Behinderungen bei der Ausübung von Praktika, studentischen Hilfskrafttätigkeiten oder Werkstudentenjobs? Wer ist hierfür inwieweit zuständig?

  • Es wird immer schwierig sein, alle Arbeitgeber zu informieren. Eine automatisierte Antwort lässt sich in der Praxis kaum umsetzen. Mit den einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA) wurden neue Ansprechstellen eingerichtet, die speziell Arbeitgeber beraten und bei den Antragswegen unterstützen. Es gibt viele Möglichkeiten, aber den ersten Schritt muss sicher der Arbeitgeber machen.

    Wir versuchen statt Praktika/Hospitationen auf Probebeschäftigungen zu setzen. In vielen Fällen lässt sich das umsetzen. Der Vorteil ist aus meiner Sicht, dass ein Vertrag für 3 Monate geschlossen wird, die Gehaltskosten dem Arbeitgeber zu 100% erstattet werden und der schwerbehinderte Mitarbeitende für seine Leistung bezahlt wird. Außerdem handelt es sich um eine versicherungspflichtige Beschäftigung.